Mickaël Doucet

Und wenn alle Räume unserer Einsamkeit hinter uns liegen, bleiben doch die Orte, an denen wir sie erlitten, genossen, ersehnt oder verraten haben, unauslöschlich in uns. […] In den Träumen der Nacht kehren wir dorthinzurück.

— Gaston Bachelard, Poetik des Raumes

Intimität, dieser private Raum des Individuums: In einer Zeit, in der alles immer mehr preisgegeben wird, ist sieumso kostbarer. Der französische Künstler Mickaël Doucet dringt in seinen Werken in diese Privatsphäre ein, ohne jedoch zu verraten, wem sie genau gehört. In seinen Gemälden ist der Mensch zugleich abwesend undallgegenwärtig; Spuren seiner Existenz, der Bewohner dieser Räume, sind überall zu finden.

Doch diese Innenräume wirken seltsam entleert, wie Showrooms aus Architekturzeitschriften, die suggerieren: So könnte es sein. So könnten Sie wohnen, sich einrichten, Ihre Gegenstände anordnen und inszenieren. Ordnung, Stille, Frieden, Schönheit. Aber auch Einsamkeit. Widersprüchliche Empfindungen prallenaufeinander und lassen diese zunächst glatten, kühlen und eleganten Räume in einem neuen Licht erscheinen.

Doucet bezeichnet seinen Stil selbst als „Pop-Neomanierismus“. Die Bezüge zur Pop-Art sind offenkundig: leuchtende, kontrastreiche Farben, klare Formen und Linien. Der Manierismus, subtiler, zeigt sich in der Bildkomposition mit leicht verschobenen Perspektiven und einer Inszenierung des Raumes alsGesamtarrangement, das manchmal unerwartete Motive oder bewusste Rätsel enthält. Nichts scheint die Ruhedieser Orte zu störenLuxus, Stille und Wollust, im Geiste Matisses.

 

Matisse. Sein Einfluss ist allgegenwärtig in Doucets Werk: in der Farbwahl – man denke an seine Neudeutungdes japanischen Holzschnitts –, im Strich und im wiederkehrenden Motiv des Fensters, das beide Künstlerverbindet. Doch Doucet schöpft seine Inspiration weit über Matisse hinaus aus der gesamten Kunstgeschichte: Er speist sich aus Vermeer und Giorgio de Chirico, aus David Hockney und Picasso, aus Edward HoppersRooms by the Sea und den Werken seines deutschen Kollegen Matthias Weischer, einer Schlüsselfigur der Leipziger Schule. Das Ergebniszwischen bewusster Künstlichkeit und realistischer Darstellungsprichtsowohl den gebildeten Betrachter an, der die Virtuosität der Malerei und die Tiefe der Motive zu schätzen weiß, als auch ein weniger informiertes Publikum, das für die Unmittelbarkeit der Farbwirkungen und die rationaleSchönheit der Komposition empfänglich ist. Die Komplexität von Doucets Werk entsteht aus diesem sensiblenGleichgewicht zwischen zwei komplementären Welten und schafft eine eigene Sprache: der gelungene Bund zwischen traditioneller Malerei und einem entschlossen zeitgenössischen Ansatz.

 

So bieten Doucets Innenräume einen Blick auf das, was der Mensch in der Vergangenheit geschaffen hatkulturelle Objekte, künstlerische Errungenschaften, Designkanons –, aber auch auf das, was die Zukunftbereithalten könnte, wenn sich das Fenster zum Unbekannten öffnet. Der Betrachter befindet sich mit dem Bildin einem Zwischenraum; das Gemälde wirkt erstarrt, im Moment festgehalten, in dem sich nichts bewegt undim besten Sinnenichts geschieht. Das Spiel von Licht und Schatten, die Wolken, die am Fenster vorbeiziehen, und die Pflanzen, die an das Leben erinnern, mahnen uns, dass Zeitlosigkeit nur eine Illusion ist. Selbst in diesenstillen Räumen vergeht die Zeit unaufhaltsam. Und doch können wir für einen kurzen Augenblick innehaltenund in Pacific Palisade das Meer betrachten

Claudia Knöpfel, Kunsthistorikerin, Frankfurt am Main, Deutschland